Landratten an Bord

….. und auch noch weiblich! Das war mein erster Gedanke, als ich die Crewliste meines neuen Törns durchging. Im Verhältnis 3:4, was ich mit meiner Wenigkeit wieder auf 4:4 auszugleichen gedachte. Sowas kommt davon, wenn man Werbehefte druckt mit Sätzen wie „für Jedermann geeignet“, „Segelerfahrung nicht notwendig“ oder „Bereitschaft für kleinere Handreichungen erwünscht“. Dabei stand gerade auf dieser Tour eine Überfahrt mit 300 sm mit auf dem Plan. Was habe ich mir da wieder aufgehalst, hoffentlich kann man die Damen wenigstens in der Kombüse gebrauchen, hoffentlich sind sie nicht so zickig….. aber wenigstens vom Alter her scheinen sie zu passen……..

Solche und ähnlich unkoordinierte Gedanken kreisten in meinem Kopf, während ich noch allein in der Plicht saß und auf die Ankunft meiner Crew wartete. An die männlichen Teilnehmer verschwendete ich keinen Gedanken, die haben gebucht, so ist das eben und damit basta. Zwei davon waren wohl auch schon mal auf Schiffen, na wird schon recht sein.

Dann näherte sich ein munteres Grüppchen, das alle Yachten aufmerksam musterte, und als sie ihre riesigen Gepäckstücke vor meinem Schiff auf den Kai plumpsen ließen und ,,hallo Skipper“ riefen, war mir klar, das sind meine Begleiter für die nächsten 14 Tage. Die machen ja gar keinen üblen Eindruck, wollte ich gerade denken – als auch schon das erste Problem auftauchte.

Wie kommen wir da hinüber?? Wieso muss man so eine schicke Yacht über ein so schmales Bauarbeiterbrett betreten? – Wir wollen segeln und nicht im Zirkus balancieren! – Warum gibt es nicht wenigstens ein Geländer?- Kann man die Taschen irgendwie rüberkranen?……- und so dachte ich schließlich, das kann ja heiter werden!!

Mit viel Überredungskunst und zitternden Schritten gelangte irgendwann der bzw. die Letzte an Bord, und entgegen meiner Erwartung ging die Kojeneinteilung innerhalb von Sekunden zu aller Zufriedenheit vonstatten.
Da erwies sich das Verstauen des Gepäcks schon weitaus schwieriger. Ich versuchte gar nicht hinzuschauen, was wieder alles sinnloses aus den Taschen auftauchte, und erklärte geduldig jedem Jüngling in der Achterkabine die Funktion der Schappschlösser.

Ich wunderte mich gerade, denn die Damen schienen allein hinter die Verschlusstechnik gekommen zu sein, da hörte ich einen spitzen Aufschrei aus der Bugkabine.

,,Ich habe meine Wattepads vergessen“

Wattepads!??! Was ist das? Wozu braucht man das? Habe ich das auf anderen Törns mal benötigt?? Große Aufregung, heiße Diskussion, kurz – Wattepads müssen her!

Sinnlose Zeitverzögerung? Nein, man muss das positiv sehen.
Bei dieser Gelegenheit stellten wir nämlich fest, dass sich beim Geldumtausch einer auf den anderen verlassen hatte und wir dringend Landeswährung benötigten.

Also umtauschen, und auf zum Supermarkt! Da es sich nur wegen der Wattepads ja nun wirklich nicht lohnt, wurde der erste Großeinkauf von den Damen gleich mit erledigt, und das ohne Fragen über Essgewohnheiten und Geschmäcker.

Beim Verstauen der Ware übten wir fleißig das Balancieren auf dem ,,Bauarbeiterbrett“, und so war ich als Skipper mit dem Verlauf der Dinge bisher gar nicht so unzufrieden. Ja wir entschlossen uns sogar noch, aus dem Hafen zu verschwinden und in einer nicht weit entfernten Bucht die erste Nacht zu verbringen.

Jetzt waren alle wild auf Segeln.

,,So hab ich mir Segeln vorgestellt“, hauchte eine der Damen, während sie sich an der Reling entlang zum Vorschiff hangelte, um eingeölt wie eine Sardine einen Liegeplatz für sich zu suchen. „Oh, ein Kavalier an Bord“, waren ihre nächsten Worte, als ich ihr ein Handtuch zum Unterlegen reichte.

Ich habe ihr nicht erklärt, dass das Handtuch da war, um Sonnenölflecken auf dem Teakdeck zu vermeiden, und auch nicht, dass wir vorerst unter Maschine liefen und noch gar nicht segelten – Illusionen machen das Leben leichter!!

Eine märchenhaft rote Sonne tauchte ins Meer und beendete unseren ersten Törntag. Jeder hing seinen Gedanken nach, und ich beschloss, vor dem Sicherheitstraining mit Schwimmwesten und Lifebelt-Anprobe, das für den Morgen geplant war, ein paar Baldriantropfen zu nehmen, um so ruhig wie möglich zu bleiben.

Hier sollte ich jedoch einem Irrtum unterliegen. Andächtig lauschten die Frauen meinem Vortrag. Lernten die ersten seemännischen Begriffe und die rot-grüne Markierung von Backbord und Steuerbord kennen. Sie beschlossen spontan, ihre Finger- und Zehennägel in den entsprechenden Farben zu lackieren, und schlüpften dann problemlos in die extra für solche Fälle vorgefärbten Lifebelts.

Skipperchen Du machst das schon! Wir vertrauen Dir. —– Wie süß !!

Ganz anders die Herren. Die beiden, die schon mal auf einem Schiff waren, hatten offensichtlich nur halbherzig zugehört, verhedderten sich mehrfach in den Gurten und hatten wegen ihrer ,,Mollengräber“ Schwierigkeiten, die Schwimmwesten zu schließen. Es begann ein langwieriges Fummeln und probieren, bis endlich alle Gurte passend auf die Adonisfiguren eingestellt waren, und wir hatten ordentlich was zu Lachen.

Da Lachen gesund ist, ordnete ich eine Wiederholung der Übung für den Abend an, und war mir sicher, dass sie uns einen Kabarettbesuch ersetzen würde.

Dann beschlossen wir, die Gastlichkeit eines kleinen Hafenrestaurants in Anspruch zu nehmen, und zwischen Swordfischsteak und Calamaris im Teigmantel ging ich der Frage nach, was wohl Landratten aus dem tiefsten Hessen bewegt hat, einen Segeltörn zu buchen. Oh – hätt ich bloß nicht gefragt!!

Auf einer 5 Tage durchgängigen Fasnachtstour hatte sich das muntere Trüppchen kennengelernt und zwischen Sektorange, Bier und Heringshäppchen beschlossen, im Sommer segeln zu gehen.
Na, Mast und Schotbruch, warum sind die nicht auf Wüstensafari gegangen?? Wie soll ich die verrückte Truppe 2 Wochen aushalten und dabei auch noch das Boot von A nach B bringen?? Ich hielt es aus, liebe Leser – und wie ich es aushielt. Man soll es nicht glauben, 14 Tage lang kein böses oder gar gehässiges Wort unter den 4 Frauen an Bord. Gemeinsam kauften sie ein, putzten oder werkelten in der Kombüse und gingen mir auf den kleinsten Wink an Deck zur Hand. Alles Leinenmaterial war stets sauber aufgeschossen, und Seeventile und Luken wurden im richtigen Rhythmus wie von Zauberhand bedient.

Nachdem ich Sinn und Wirkungsweise des Manöverschlucks erklärt hatte, wurden die Gläser stets zum passenden Zeitpunkt rumgereicht, und wir Männer gewöhnten uns an kulinarische Köstlichkeiten wie Tafelspitz in Meerrettichsoße, Apfelstrudel mit Vanilleeis und Mousse au chocolat garniert mit Südfrüchten. Mit Freude spielten sie Nixen und tauchten für uns nach Muscheln.

Nie dagewesener Luxus auf einer Charteryacht.

Da läßt man sich als Vertreter des starken Geschlechts auch gern darauf ein, einmal zusätzlich an Land zu rudern, wenn abends der Wein ausgeht, oder die Sehnsucht nach einem Schaufensterbummel die Damen überfällt.
Auch schwierige Arbeiten, wie z. B. das Verteilen der Sonnencreme an Stellen, die man nur unter großen Verrenkungen erreicht, wurden ohne speziellen Dienstplan von den Herren gern übernommen. Ich als Skipper scheute in dieser Richtung keine Arbeit, schon wegen der Vorbildwirkung war ich meist der erste, der fragte, ob eventuell Sonnencreme benötigt wird.

Als wir einmal in einer Bucht badeten und die häßlichen schwarzen Teerreste der Umweltsünder am Strand zu spät erkannten, haben wir die Sonnencreme durch Butter ersetzt und hatten volle 2 Stunden zu tun, um uns die schwarzen Stellen von den Leibern wieder zu entfernen.
Sparmaßnahmen waren fehl am Platz, mit Margarine ging überhaupt nichts!

Lediglich einer der Herren machte uns hin und wieder Sorgen. Schickte man ihn Brötchen holen, verlief er sich garantiert, und alle mussten auf ihn warten. Wollte er eine Postkarte noch kurz einwerfen, fand er keine Briefkästen, und als wir das Land verließen, war er der Einzige, der für seine zahlreichen Freundinnen noch keine Geschenke, dafür aber jede Menge Landeswährung hatte. Wurden zeitliche Abmachungen getroffen, kam er bestimmt zu spät, weil er mit seinem Handy noch eine SMS absetzen musste und wegen dem Empfang erst jede Ecke der Insel austestete. Unfreiwillig sorgte er für manchen Lacher an Bord, und es tat mir ein bißchen weh, dass er ein Vertreter meiner Gattung war.

Nun wird sich der liebe Leser sicher fragen: Sind die denn auch gesegelt?
Na klar sind wir gesegelt, wunderschön war es. Wir haben im offenen Meer gebadet und uns an der Schleppleine nachziehen lassen.

Auf der Überfahrt sind wir in einen Sturm gekommen, der uns zum Reffen zwang. 33 Knoten Wind auf die Nase und eine Nacht lang 3 Meter hohe, querab durchrollende Wellen haben wir gemeinsam überstanden. Auf unsere super Bordküche haben wir in diesen Stunden verzichtet, und es ging auch nur 2 Mannschaftsmitgliedern noch richtig gut. Je Einer aus dem Lager der Damen und der Herren, die haben das Schiff ,,geschaukelt“. Ich hatte in diese beiden so viel Vertrauen, dass ich mich ein wenig horizontal lagerte. (Auch als Skipper muß man schließlich mal ruhen.)

Ja, und nächstes Jahr werde ich mit genau diesen Landratten wieder segeln gehen, in der Zwischenzeit wollen die Damen Knoten lernen und zur Fasnacht bin ich ins wilde Hessen eingeladen – und nie wieder werde ich etwas gegen Törns mit Landratten oder gar Damen sagen.

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