VPK´s und andere Persönlichkeiten

Die meisten Leute glauben ein Charterskipper habe das ganze Jahr Urlaub, gehöre zu den Glückskindern die ihr kostspieliges Hobby zum Beruf gemacht haben und nun durch Gäste finanzieren lassen, und genieße es ganzjährig auf der Sonnenseite des Lebens dahin zu treiben bzw. zu segeln.

Man könnte es auch so formulieren: Von Denjenigen, die eine Beziehung zum Wassersport haben, glauben Viele, der Charterskipper – Job käme noch vor dem gut bezahlten, mit Ferien durchsetzten Halbtagsjob der verbeamteten Lehrergilde.

Selbstverständlich kennt man als Weltenbummler die besten Restaurants der Halbkugel, und das Klischee’ in jedem Hafen eine Geliebte zu haben, wird zum beneidenswerten Faktotum.

Das es sich dagegen um einen 24 Stunden Job handelt, der lediglich von einigen Halbschlafphasen unterbrochen wird, will Niemand wahrhaben.

Sie weigern sich an lange Überfahrten bei Sturm zu denken und negieren die Gefühle die einen durchströmen, wenn man als Einziger im grauen Nebel am Steuer steht und sich die Feuchtigkeit des permanenten Regens langsam durch das im Kragen steckende Handtuch frisst. (Sie sind ja zahlende Urlaubsgäste und können es sich leisten bei Mistwetter einfach abzuschalten und unter Deck zu bleiben.)

Für alle technischen Dinge am und ums Boot herum ist man sowieso zuständig, ebenso für die Navigation, den Terminplan und das Wetter. Des Weiteren für nie ausgehende Wein- Getränke und Lebensmittelvorräte und natürlich auch, für die, trotz Belehrung durch Papierklumpen und Tampons verstopfte Bordtoilette. Mit Freude beseitigt man an Reling und Deck klebende Reste der Seekrankheit, spielt Krankenschwester, (manchmal auch Psychiater) schlichtet Ehekrisen, und wenn man Kinder mit an Bord hat ist man selbstverständlich allgegenwärtige Aufsichtsperson und Animateur.

Das Privatleben basiert auf einer gewissen Gruppendynamik unter engsten Raumverhältnissen, – aber bei so einem Traumjob – muss man halt ein paar Kompromisse machen?

Besagte Kompromisse sind je nach Zusammensetzung der Chartergäste oft sehr unterschiedlicher Natur, und es gilt dabei, flexibel, dynamisch und natürlich immer freundlich und verständnisvoll zu bleiben.

So wurde bei einem meiner Törns meine Geduld einmal von einem Mitsegler strapaziert, den wir bereits am zweiten Tag den Spitznamen „Verpackungskünstler“ verpassten. Schon beim ersten Einkauf des Bordproviants stellte er sein Fachwissen über Verpackungsmaterial, Papier- und Pappkartonwandstärken sowie deren Falzmöglichkeiten unter Beweis, was bei der Beseitigung des Abfalls zunächst gewisse Vorteile brachte. Beim gemeinsamen Abendessen in einer gemütlichen Hafenkneipe erfuhren wir dann viel Wissenswertes über die Möglichkeiten Lebensmittel zu verpacken. „Wißt ihr eigentlich dass diese kleinen Würstchen, die Du da auf dem Teller hast bei uns in Frankfurt verpackt werden? Und wenn sie woanders verpackt werden, dann liefern wir die Kartons. Das Gemüse hier ist sicher auch Bonduell- da werden immer drei oder sechs Dosen zusammen foliengeschweißt und dann als Einheit in Kartons weiterverpackt. Aber letzten Monat hatten wir wieder Fischstäbchenkartons auf’m Band, die liefern wir direkt nach Bremerhafen, wo sie verschifft werden. Ihr wisst doch sicher dass die Verarbeitung der Fischstäbchen heutzutage gleich auf den Fangschiffen erledigt wird, aber habt ihr Euch mal Gedanken gemacht wie viele kleine Kartons Fischstäbchen (die mit der dünneren Pappe), in einen Versandkarton passen?“…… ……….Der Wirt räumte schon die leeren Teller wieder ab, da erfuhren wir wie hoch die Tara – Prozente kalkuliert werden, entsprechend dem Gesamtwarenwert, und wie schwierig es oft ist, wenn so ein Designer mal wieder eine achteckige Pralinenschachtel entworfen hat, diese maschinell in quadratische Versandkartons platzsparend zu verpacken.

Als ich meinen Uso zur Verdauung trank, ging es gerade um verschiedene Druckverfahren für bunte dünnwandige Präsentverpackungen.

Ich bemerkte wie die Anderen begannen sich komische Blicke zuzuwerfen und natürlich blieben diese Blicke irgendwann an mir hängen.

Wie so oft in solchen Situationen hieß das mal wieder – unternimm was, du bist der Skipper und verantwortlich für unseren Urlaub.

Da es der erste Abend war und ich nicht gleich so scharf schießen wollte, brachte ich das Thema auf die bevorstehende Bezahlung der Rechnung und die Bordkasse. Bis die finanzielle Handhabung geklärt war, hatten wir noch einige Usos getrunken und nachdem wir zum Schiff zurückgekehrt waren, fielen alle – mehr oder weniger gut ver – oder eingepackt in ihre Kojen.

Völlig unerwartet begann jedoch auch der nächste Tag gleich am Morgen mit dem Thema –Verpackung!

Als wohlmeinender Frühaufsteher war unser Verpackungskünstler am Morgen ins Dorf geschlichen und hatte sich auf die Suche nach einem Bäcker gemacht, um uns mit frischen Brötchen zu erfreuen. Das es nur Stangenweißbrot statt Brötchen gab machte etwa 40 % seines Ärgers aus, die anderen 60 fügten sich an, als ihm die Dame alles in die Hand drückte – einfach so – ohne Tütchen und ohne Papier! Als er danach fragte, bot ihm die unschuldige Verkäuferin in Ermangelung jeglicher Möglichkeiten eine Zeitung an.

Da erlebte der kleine griechische Bäckerladen, auf dieser kleinen griechischen Insel die Explosion eines deutschsprachigen Verpackungsfanatikers.

Wie eine Bombe zerschlug er in seinem Ärger nach seiner Rückkehr die morgendliche Urlaubsstimmung an Bord, dass Keiner seinen Kummer so richtig zu verstehen schien, brachte ihn noch mehr auf Touren. Worte wie Hygiene, Gewerbeaufsichtsamt und Handelskammer flogen durch die Kajüte während alle mehr oder weniger zum Thema schweigend, ihr Frühstück verzehrten. Plötzlich waren sie wieder da – diese Blicke die mich durchbohrten! Du Skipper…..

Ich teilte ihn zum Anker aufholen ein und lies den Anker wegen eines vermutlichen Kabels im Hafenbecken noch zweimal absinken und wieder einholen, dann übergab ich das Ruder und stellte mich zu einem kleinen „unter vier Augen- Gespräch“ zu ihm in den Bugkorb.

Wie geplant hatte er inzwischen ein bisschen Kraft und Dampf mit dem Anker verspielt, und stand meiner Agitation betreffs Urlaub, Abschalten vom Berufsleben, und andere Länder- andere Sitten, aufgeschlossen gegenüber.

Strahlender Sonnenschein und ein azurblaues Meer beruhigte die Gemüter, um uns herum kreuzten ein paar andere Segler und wenn ein „Fred Olsen“ an uns vorbeizog winkten wir den Passagieren zurück.

Ein harmloses Mon cherie, herumgereicht in einer dieser bekannten kirschroten Walzpappschachteln mit Klarglasfolie bereitete dem schönen Segeltag ein jähes Ende. Nach dem fünften Satz über Kaufanimation via Verpackungsmöglichkeiten, beendete ich den beginnenden Vortrag durch einem lauten Schlag mit Handfläche auf die Bachskiste. Ich wollte nicht erst warten bis die Pfeilspitzenblicke wieder umherflogen, und verkündete, Kraft meines Amtes als Kapitän, folgendes Bordgesetz.

„Wer die Urlaubsfreuden unseres Segeltörns durch Gespräche über seine Arbeitsstelle, seine Tätigkeit, oder seines Arbeitsumfeldes stört, zahlt ab sofort und für die Dauer des gesamten Törns, pro angefangenes Thema 2 € in die Bordkasse.“

Ich erntete spontanen Beifall, was bewies wie sehr unser Verpackungskünstler, der inzwischen auf ein sprachliches VPK zusammengeschrumpft war, mit seinen Schachteln und Prägemaschinen, bereits an den Nerven aller zerrte. Ulrike holte ein extra Döslein und meinte sie wolle das separat aufstellen, um am Ende zu sehen wie wichtig das Thema Arbeit so sei.

Diese finanzpädagogische Methode erwies sich als sehr effizient. Wenn gleich jeder (einschließlich ich selbst) im Laufe unsere Urlaubswoche etwas in die Kasse stecken musste, wurden wir doch von längeren Vorträgen verschont.

Meist begannen die Sätze mit. „bei uns im Büro…“, oder „mein Kollege…..“

Manchmal stimmten wir auch ab, ob der Betrag zu entrichten sei oder nur zufällig mit dem beruflichen kollidierte. So ließen wir z.B. Ulrike, die Geschichtslehrerin war, ungestraft von den Göttern des Olymp berichten, als wir Kap Sunion rundeten. Auch Heiner der sich mit technischer Fachkenntnis um unser ausgefallenes Log bemühte, musste nichts bezahlen, als er erwähnte dass ihm sein Voltmeter jetzt sehr hilfreich wäre, welches er auf seinen Montagetouren sonst immer bei sich hat.

Unser VPK war dagegen trotz aller Einsicht der eifrigste Zahler. Er haderte am Meisten mit sich selbst weil er nicht Loslassen konnte, was ihm wohl auf diesem Törn zum ersten mal richtig zu Bewusstsein kam.

Erst am Morgen war er wieder über einen Eierkarton aus Receyclin-Pappe gestolpert und hatte für diese Sekundärrohstoffumwandlung natürlich 2.-€ bezahlt.

Ein Lizensvertrag mit den Spaniern für die Folienverpackung von Butterkeksen hatte ihm am Nachmittag weitere 2.- € gekostet und gleich noch mal zwei musste er berappen, weil ihm beim Manöverschluck das Weinetikett an einen Spezialauftrag, erinnerte. Eine gewinnträchtige Sonderedition zum Jubiläum eines Weinbauers an der Mosel!

Ob er sich als eingefleischter Single nun wirklich restlos seinen Verpackungen verschrieben hatte, oder ob es mit Imponiergehabe gepaartes Mitteilungsbedürfnis war, was ihn ständig von seiner Arbeit berichten ließ, darüber konnten sich die anderen Törnteilnehmern nicht einigen.

Eines jedenfalls war er nicht – geizig.

Er machte keinen Aufstand wegen des Spardösleins, obwohl ganz sicher 80% des Inhalts aus seinem Portemonnaie stammten gab es keine Klagelaute, reumütig hatte er immer seinen Obulus entrichtet.

Am letzten Tag als wir in Lavrio das Boot zurückgaben, vernaschten wir in der Eisdiele am Markt gemeinsam eine Runde Eisbecher zu Lasten unseres Arbeitswahns. Da immer noch was übrig war zog Heiner los um für den Abend noch zwei Flaschen Wein zu kaufen.

Das Boot geputzt, die Seesäcke gepackt machten wir uns schließlich über den Wein her, während wir auf das Taxi zum Flughafen warteten.

Mit den Worten – „ Freunde, Ehrlichkeit bis zum letzten Cent“ präsentierte Heiner als Bord- und Zusatzkassenbeauftragter, neben den Weinflaschen den Kassenzettel des Supermarkts und eine Schachtel Choclat parvoir – es ging genau auf, strahlte er!“

Abschiedsstimmung – da erhob sich unser VPK, mit fast feuchten Augen nahm er feierlich die dünnwandige, hochpräge Falzschachtel mit Mehrfarbdruck, ohne Einlage und Folie, in seine Hände, wobei er gleichzeitig 5 € auf den Tisch legte. „Macht was ihr wollt, nehmt das Geld als Samen für die nächste Bordkasse, aber lasst Euch erzählen wie schwierig es war diese achteckige Packung zwischen Designer und Maschineneinsteller endlich produktionsreif zu kreieren, wie viele Sitzungen wir deswegen hatten und wie oft wir darüber gestritten haben ob die kleinen Pralinen noch mal aufwendig in extra orange Folie kommen sollen oder doch lieber in einem ………………..“

Irgendwann kam dann das Flughafentaxi!

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